Erfahrungsbericht

Ende 1999 entschloss ich mich, gegen meine Angstattacken einen erneuten Anlauf zu unternehmen. Ich litt unter Herzrasen, Bluthochdruck und der massiven Angst, herzkrank zu sein. Ich hatte Angst zu reisen und dabei nicht in der Nähe eines Krankenhauses zu sein. Immer war ich unruhig und nervös. Trotz einer umfangreichen stationären Abklärung in einem Spezialkrankenhaus, die zum Ergebnis gehabt hatte, dass ich unter keinerlei körperlichen Auffälligkeiten oder Krankheiten litt, blieb diese Angst in meinem Leben. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen war ich wegen meiner Ängste wiederholt nicht in der Lage gewesen, zur Arbeit zu gehen, konnte oft in der Nacht nicht einschlafen vor lauter Angst.
Als geschäftsführender Inhaber eines süddeutschen Unternehmens hatten Flugreisen ins benachbarte europäische Ausland oder in die Vereinigten Staaten zu meinem beruflichen Alltag gehört und nun war ich nicht mehr in der Lage, alleine mit dem PKW die einsame Waldstraße von meinem Wohnhaus zum Betrieb zu fahren, sondern nahm große Umwege über vielbefahrene Straßen in Kauf, um im Falle des Eintretens des befürchteten Herzinfarktes schnell Hilfe bekommen zu können.

Nach dem psychologischen Auswertungsgespräch sah ich bezüglich der Gründe des Auftretens meiner Panikattacken klarer und hatte auch eine Vorstellung davon, wie mein Angsttraining „aussehen“ würde und warum es genau „so“ konzipiert werden sollte. Ich entschloss mich zur Durchführung des Angsttrainings und wir starteten an einem Donnerstag im März 2000. Ich wusste aus dem Auswertungsgespräch, dass jede angstbesetzte Situation möglicherweise auf mich zukommen könnte und dass wir mit den schwierigsten Situationen beginnen würden. Auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen wurde mir klar, dass wir „fliegen“ würden, die Frage war nur - wohin? Da ich meinem Trainer in der Diagnostik mitgeteilt hatte, dass ein Flug über ein Meer für mich das Schlimmste sei, ging ich davon aus, mit ihm nach London zu fliegen. Tatsächlich flogen wir nach New York und heute ist mir natürlich auch klar, warum London nicht „gereicht“ hätte: Hätte ich mit Angst/Panik die Nordsee überquert und London erreicht, hätte ich in der Situation „über Wasser fliegen“ nicht „habituiert“ und meine Angst wäre durch diese Situation im Zweifelsfall eher verstärkt worden.
Während des Fluges unternahm ich alles, um die Angst – wie gelernt – zu verstärken. Mein Trainer hatte mir einen Fensterplatz reserviert, so konnte ich „gut“ aus dem Fenster schauen und gedanklich „katastrophisieren“, wie ich ins Meer stürze. Mein Trainer saß zu Beginn des Fluges neben mir und unterstützte mich, indem er mir half, beruhigende Gedanken nicht zu denken und stattdessen Katastrophenszenarien genau vorzustellen. Dadurch sank meine anfängliche Angst rasch ab und ich hatte einen relativ entspannten Flug – obwohl ich den Rest des Fluges alleine saß, da mein Trainer sich im weiteren Verlauf des Fluges in einem anderen Teil des Flugzeuges aufhielt.
In New York führten wir weitere Konfrontationsübungen durch. Das „Schlimme“ für mich war, viele tausend Kilometer von zu Hause entfernt zu sein, von Menschen, die kein Deutsch sprechen können und mir im Notfall nicht helfen könnten. Somit hatte ich bezogen auf die Möglichkeit, in dieser Situation „auf Nummer Sicher“ gehen zu können, keine „Hintertür“ gehabt, so dass ich keine andere Wahl zu haben schien als mich mit meiner Angst zu konfrontieren. Abends trennte sich zu meinem „Schrecken“ mein Trainer von mir und gab mir einen Umschlag mit dem Treffpunkt am nächsten Morgen. Hier stand ich nun, am Port Authority, alleine, auf dem Weg zu meinem Hotel. In dem Moment, als sich mein Trainer verabschiedete, blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit meiner schnell wieder aufflammenden Angst zu konfrontieren – und es klappte sehr gut, die Angst nahm rasch wieder ab. Ich wurde so euphorisch, dass ich nicht gleich mein Hotel aufsuchte, sondern zum Times Square fuhr und dort einige Stunden völlig angstfrei verbrachte, bis ich zum Hotel aufbrach.
Am nächsten Tag war ich angstfrei und lediglich etwas angespannt, ob wir uns am ausgemachten Treffpunkt auch treffen würden. Im Mariott Hotel in der 40sten Straße besprachen wir die Situationen des Vortages nach und mein Trainer eröffnete mir, dass wir zunächst weitere Situationen gemeinsam trainieren würden. Gegen Mittag trennten wir uns, da mir das „richtige“ Verhalten in angstbesetzten Situationen mittlerweile ziemlich klar war und ich bekam „Anweisungen“ für weitere Übungen. Jetzt traute ich mir schon zu, diesen Tag alleine in New York verbringen zu können.
Rückblickend lag jedoch die schlimmste Situation noch vor mir: Auf dem Weg in die Freiheitsstatue auf Liberty Island reihte ich mich in eine lange Schlange von Touristen ein – Schlangestehen: eine Situation, die ich zu Hause zuletzt immer vermieden hatte – und passierte Schilder auf denen sinngemäß stand „ab hier noch 2,5 Stunden bis zum Betreten der Statue“. Jetzt wuchs meine Angst wieder spürbar, als sie – in der Statue auf der nach oben führenden Wendeltreppe „im Stau stehend“- schlagartig zur Panik wurde. Ich konnte nicht vor und nicht zurück, da hinter und vor mir dicht gedrängt unzählige Menschen auf der Wendeltreppe standen. Der Gedanke, hier nicht weg zu können, trieb zunächst die Angst auf „10“ und ich sah mich vor meinem inneren Auge in der Statue an einem Herzinfarkt versterben, ohne Möglichkeit, durch einen Arzt gerettet werden zu können. Die Panikattacke war heftig und hielt auch einige Zeit an, bis sie deutlich wieder zurückging. Obwohl ich mir - weiterhin auf der Treppe stehend - mittlerweile sicher geworden war, an einem Herzinfarkt zu versterben, trat dieser Fall nicht ein. Im Gegenteil, die Angst ging zurück auf „0“ und ich verbrachte die restliche Zeit des Tages völlig angstfrei.

Seit diesem New-York-Aufenthalt weiß ich genau, wie ich mit der Angst umzugehen habe und im weiteren Jahresverlauf übte ich meine Strategien weiter ein. Mittlerweile kann ich wieder angstfrei alle Situationen aufsuchen.


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